Research

Stablecoins Zur Jahresmitte 2026: eine Bestandsaufnahme

Geschrieben von Leonardo Larieira, Marktanalyst | 12.08.2026, 11:29:53

Zusammenfassung

Der Stablecoin-Markt steht zu Beginn des zweiten Halbjahres 2026 an einem Wendepunkt. Zwei Jahre lang wuchs das Angebot nahezu senkrecht, jetzt konsolidiert es sich rund um die Marke von 300 Milliarden US-Dollar. Das Transaktionsgeschäft dahinter wächst unterdessen weiter und nähert sich echter Relevanz im Zahlungsverkehr. Die Frage ist längst nicht mehr, ob digitale Dollar funktionieren. Sie lautet: Wer gibt sie aus, wer verdient an ihnen, und nach welchen Regeln?

Drei Entwicklungen prägen das Bild. Erstens hat die im Juni 2026 angekündigte Einführung von Open USD den Wettbewerb neu definiert. Aus einem Rennen einzelner Emittenten ist ein Kampf zwischen Ökosystemen geworden. Mehr als 140 Institute aus Zahlungsverkehr, Bankwesen und Technologie stellen sich hinter ein Modell, das ein Konsortium steuert und dessen Erträge geteilt werden. Zweitens hat Circle Zahlen für ein viel beachtetes zweites Quartal vorgelegt und sich die Zulassung als bundesweit regulierte Trust Bank gesichert. Circle ist der einzige börsennotierte Emittent, der ausschließlich auf Stablecoins setzt. Die Aktie blieb dennoch unter Druck, und die Konkurrenz rückt näher. Drittens stand der CLARITY Act vor der Sommerpause kurz vor der Abstimmung im Senat. Es ist das bislang folgenreichste US-Gesetz zur Marktstruktur digitaler Assets. Sein Schicksal hängt an einer ungeklärten Frage: Dürfen Stablecoins eine Verzinsung bieten?

Zentrale Erkenntnisse

  • Konsolidierung, kein Rückgang. Die Marktkapitalisierung aller Stablecoins liegt bei rund 300 Milliarden US-Dollar und damit seit Jahresbeginn nahezu unverändert. 2024 betrug das Wachstum 58 %, 2025 noch 49 %. Das Plateau zeigt einen reifenden Markt, der sein Gleichgewicht sucht. Der strukturelle Trend zur Verbreitung kehrt sich nicht um.

  • Ein konzentrierter Markt unter wachsendem Druck. Auf Tether und Circle entfällt weiterhin der weitaus größte Teil des Stablecoin-Volumens. Eine breiter werdende Riege institutioneller Herausforderer drückt den gemeinsamen Anteil der beiden aber langsam nach unten, darunter USDS, USDe, USD1, PYUSD und RLUSD. Die beiden Platzhirsche besetzen derweil zunehmend unterschiedliche Nischen.

  • Das Geschäftsmodell ist das Schlachtfeld. Open USD greift den wertvollsten und zugleich am wenigsten diskutierten Bestandteil des Modells an: die Erträge aus den Reserven. Die Zinsen auf die hinterlegten Mittel fließen dort nicht an den Emittenten, sondern an die vertreibenden Partner. Das ist die zentrale strategische Bedrohung des Jahres 2026.

  • Circle löst sich vom Krypto-Beta. Der USDC-Umlauf wuchs im zweiten Quartal 2026 um 19 % gegenüber dem Vorjahr auf 73,3 Milliarden US-Dollar, das On-Chain-Volumen sogar um 151 %. Der Gesamtmarkt für digitale Assets schrumpfte im selben Zeitraum um rund 40 %. Das strukturelle Hauptrisiko bleibt die sinkende Verzinsung der Reserven.+

  • Die Regulierung gibt den Ausschlag. Zahlungs-Stablecoins unterliegen bereits dem GENIUS Act. Der CLARITY Act würde den US-Rahmen für den übrigen Markt digitaler Assets vervollständigen. Weil der Weg zur Abstimmung im Plenum stockt, bleibt kurzfristig Unsicherheit, obwohl der regulatorische Kurs im Grundsatz konstruktiv ist.

Stablecoins haben eine Schwelle überschritten. Aus einem Abwicklungsasset der Kryptowelt ist eine umkämpfte Infrastruktur des globalen Zahlungsverkehrs geworden. Wer die nächste Phase gewinnt, entscheidet sich kaum noch am Marktanteil einzelner Token. Es entscheidet sich an der Kontrolle über Vertrieb, Governance und die Erträge aus den Reserven, und daran, welche Grenzen die Regulierung in Washington gerade zieht.